22.12.2015 OFFENER BRIEF zu den Kürzungsbeschlüssen der Ratsfraktionen

Offener Brief zu den Kürzungsbeschlüssen der Ratsfraktionen


Absender: Kunstschaffende, Kunstinteressierte und Akteure des Kunst- und Ausstellungsbetriebs aus Stadt und Landkreis Osnabrück

27            41 Ratsbeschluss      297 1.100.2.5.2.01.05          Stadtgalerie     

Die Kosten für Ausstellungen und Miete der Stadtgalerie sollen ab 2017
um 20.000 € reduziert werden.

Der Beschluss, die Mittel für die Miete und Ausstellungen der Stadtgalerie zu kürzen, trifft die Freie Kunst-Szene aus heiterem Himmel. Erst vor wenigen Monaten haben zahlreiche Kunstschaffende auf Einladung der Kulturverwaltung über alternative Konzepte zum städtischen Galeriebetrieb beraten. Alles deutete darauf hin, dass  eine Umwidmung der Haushaltsmittel in den nächsten zwei Jahren von den verantwortlichen Stellen ernsthaft beraten und beschlossen werden sollte. Das Gespräch wurde über den Sommer leider nicht fortgesetzt. Nun scheint die Kürzung des Ausstellungsetats der Stadtgalerie beschlossene Sache zu sein.

Die Freie Kunst Szene fordert die Rücknahme des Beschlusses, den Erhalt des ohnehin beschränkten Ausstellungsetats und die Fortsetzung der Gespräche über eine effiziente Nutzung dieser Haushaltsmittel!

Die Initiative aus Kunstschaffenden und Organisatoren der Freien Kunst-Szene steht für eine offene Auseinandersetzung über alternative Nutzungskonzepte des Ausstellungsetats weiterhin zur Verfügung. Um den lebendigen und vielseitigen Ausstellungsbetrieb zu erhalten, sollten alle Verantwortlichen zusammen finden und in einen neuen Dialog treten.

Es ist nicht hinnehmbar, dass monatelang kein Signal zur Fortsetzung der Gespräche an die Künstler ergeht. Und erst recht ist nicht hinnehmbar, dass dieser Beschluss ohne weitere Gespräche mit den Betroffenen erfolgt ist, obwohl sie konstruktive Vorschläge gemacht und mehrfach um die Fortsetzung der Gespräche gebeten haben!

Es ist seit langem kein Geheimnis, dass die Ausstellungsbedingungen im Stadtgaleriecafé von den Kunstschaffenden kritisch beurteilt werden. Künstlerinnen und Künstler empfinden die Möglichkeiten, ihre Arbeiten in den Räumen der Stadtgalerie bei laufendem Cafébetrieb angemessen zu präsentieren, mehr als einschränkend. Der Interessenkonflikt zwischen Café- und Ausstellungsbetrieb tut beiden Seiten nicht gut und führt zur Verwässerung künstlerischer Konzepte. Aus diesem Grund haben sich seit Frühjahr 2015 Kunstschaffende mit der ehemaligen Kulturdezernentin, Frau Rzyski, sowie weiteren Vertreterinnen der Kulturverwaltung mehrmals zusammengesetzt, um über eine alternative Nutzung des Budgets für die Stadtgalerie zu beraten. Vor dem Hintergrund der Nutzung eines leer stehenden Ladenlokals in der Hasestraße wurden verschiedene Modelle zur flexibleren Verwendung des Ausstellungsetats skizziert. Vorausgegangen waren mehrere Ausstellungs- und Kunstprojekte in diesen Räumen, die sehr guten Zuspruch erfahren haben.

Kunstschaffende leisten einen wesentlichen Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung von Kunst und Kultur in der Stadt.

Die Ausstellungsprojekte in 2014, „Fifty Fifty“ (ca. 15 beteiligte KünstlerInnen) und „Hundert Hiesige“ (ca. 80 beteiligte K.), „Natur Formen“ (14 beteiligte K.), „Marathon der Zeichnungen“ (ca. 20 beteiligte K.) und aktuell „Leicht zu transportieren“ (47 beteiligte K.) haben als Kunstevents bei Besuchern, Anwohnern und Akteuren überaus positive Resonanz gefunden. Allein an den beiden letzten Wochenenden konnten die Ausstellungsmacher über 300 Besucher zählen.

Die Ausstellungen wurden in Eigenleistung und auf eigene Kosten organisiert und durchgeführt, weil die Aussicht bestand, den Raum zukünftig mit städtischer Unterstützung als Ausstellungsraum etablieren zu können.

Während diese Ausstellungen überwiegend durch lokale Künstlerinnen und Künstler bestritten wurden, da sie ohne ein Budget auskommen mussten, konnte mit Zuschüssen der Stadt Osnabrück, des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land e.V. und der Herrenteichslaischaft darüber hinaus „Tangency 2015 – Stadtvermessungen“ realisiert werden. Auch dieses Projekt hat die Räume in der Hasestraße 29/30 als zentrale Anlaufstelle für die eingeladenen internationalen Künstlerinnen und Künstler genutzt und sich von dort aus in den Stadtraum entfaltet. In alle diesen Aktionen war durch die angestrebte Publikumsnähe von den oft zitierten „Schwellenängsten“ der Bürger gegenüber Kunst nichts zu spüren. Nicht nur herrschte bei den Eröffnungen und zu den Öffnungszeiten stets großer Andrang in den Ausstellungsräumen, sondern auch Zufallspassanten fühlten sich durch den Kontakt mit Kunstschaffenden angesprochen. Vielfach entwickelte sich in der direkten Begegnung ein lebhafter Austausch. Durch künstlerische Aktionen im öffentlichen Raum wie bei dem Projekt „Tangency“ und die große Fensterfront des Ausstellungsraumes wurden Besucher der Stadt aufmerksam und fanden so leicht Zugang zu Kunstwerken und Künstlern.

Kunstvermittlung fand in der Hasestraße quasi automatisch statt. Die Präsenz von Kunst im Zentrum ist eine Bereicherung für alle, für das stetig wachsende Publikum und die Kunst Szene der Stadt. Sämtliche Ausstellungen sowie das Kunstprojekt „Tangency- Stadtvermessungen 2015“ wurden durch zahlreiche Medienberichte der Neuen Osnabrücker Zeitung, OS 1-TV, des NDR , Stadtblatt sowie die Kunstzeitschrift Kunstforum International aufgegriffen und gewürdigt.

Die Wertschätzung der Öffentlichkeit hat sich politisch für die Freie Kunst-Szene bisher in keiner Weise niedergeschlagen. Im Gegenteil,  mit der Kürzung des Stadtgalerieetats haben die städtischen Kulturverantwortlichen einen traurigen Höhepunkt der Nichtbeachtung  geschaffen.

Obwohl die Freie Kunst-Szene einen wesentlichen Anteil an der Vielfalt und Qualität des Kulturangebots in dieser Stadt hat, ist ihr Engagement bisher im Rat folgenlos geblieben. Dabei ist die Freie Kunst-Szene ein wesentlicher Bestandteil des Kulturangebots und darf sich zu Recht in die Bekenntnisse des Kulturausschussvorsitzenden, Sebastian Bracke, einschließen:

NOZ, 15.9.2015: „Die Kultur in Osnabrück habe sich in den letzten 25 Jahren sehr gut entwickelt und sei von großer Vielfalt und Qualität geprägt. ‚Sie ist Ausdruck einer hohen Lebensqualität und einer lebendigen, lebenswerten Stadt. Das kulturelle Angebot ist ein wichtiger Faktor damit Stadt und Region Osnabrück ihre Anziehungskraft erhalten‘, so Sebastian Bracke.“

Eine Kürzung des Stadtgalerieetats, und damit der Aktionsmöglichkeiten der regionalen KünstlerInnen, um 20.000,- € ist ein Schlag ins Gesicht der Freien Kunst Szene! Denn diese leistet einen bedeutenden Anteil an der Kulturarbeit in dieser Stadt. Warum wird dem nicht Rechnung getragen? Warum ist der Gesprächsfaden abgerissen? Die Frage ist doch, wie Kunstschaffende von der Kulturpolitik und -verwaltung wahrgenommen werden, wenn man sie nach mehreren Gesprächsrunden anschließend im Regen stehen lässt und nach Monaten des Schweigens vor vollendete Tatsachen stellt?

Die Kunstschaffenden haben in o.g. Gesprächen mit den Vertreterinnen der Kulturverwaltung angeboten, den Etat  der Stadtgalerie selbst zu verwalten. Vorgeschlagen wurde, dass  dafür eine tragfähige Konstruktion und ein Konzept für die effiziente Nutzung der Gelder entwickelt werden sollten. D.h. die Künstlerinnen und Künstler haben ihr Engagement angeboten, um den Ausstellungsbereich zum Wohle der Stadt zu stärken. Sie verfügen über die Kompetenz und haben den Wunsch, mit künstlerischen Projekten flexibel auf gesellschaftliche Prozesse zu reagieren, um im positiven Sinne subversiv, zeitgemäß und partizipativ in die Gesellschaft hineinwirken.

Die Stadt Berlin hat erst kürzlich diese Chance erkannt und mit einer Aufwertung der Freien Szene umgesetzt.  In der Pressemitteilung vom 11.12.2015 heißt es:

„Mit dem neuen Haushalt 2016 / 2017 gibt es ein neues Miteinander zwischen Stadt und Freier Szene

Die unzähligen Aktiven der sogenannten Freien Szene leisten viel für die Kultur der Stadt. Dennoch bildete sich das in der Vergangenheit nur bedingt in den Haushaltssummen ab, die in ihre Stabilisierung und Weiterentwicklung seitens des Landes investiert werden konnten. Die Koalition der Freien Szene, mit der sich die Künstlerinnen und Künstler ein Sprachrohr geschaffen haben, hat darauf immer wieder hingewiesen. Nun ist es dem Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller gelungen, die größte Steigerung durchzusetzen, die der Berliner Kulturhaushalt jemals erlebt hat. Nahezu ein Viertel davon fließt der Freien Szene zu und berücksichtigt etliche Forderungen aus dem 10-Punkte-Plan der Koalition der Freien Szene. …“

http://www.berlin.de/sen/kultur/aktuelles/pressemitteilungen/2015/pressemitteilung.420975.php

Will die Stadt Osnabrück für ihre Bürgerinnen und Bürger weiterhin ein vielfältiges Kulturangebot vorhalten, müssen Rat und Verwaltung die freien Kunstschaffenden endlich zur Kenntnis nehmen und ihnen die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen.  Die Freie Kunst-Szene ist lebendiger denn je und wird sich Gehör verschaffen!

Die Kürzung des Ausstellungsetats um gut 2/3 ist für die Freie Kunst-Szene und alle Kunstinteressierten der Stadt ein Affront. Wer so mit seinen Akteuren umgeht, riskiert Frustration und Abwandern der engagierten Kräfte, die diese Stadt durch ihre Arbeit bereichert haben. Ein gewichtiger Anteil an kreativem Potential droht verloren zu gehen.

Kurzfristige Absagen von Ausstellungsprojekten, wie durch die Haushaltssperre jüngst geschehen, machen die Stadt zu einem höchst unsicheren Verhandlungspartner. Sie sind nicht nur ein bitteres Ärgernis für die Künstler, die bis zur Absage viel Engagement aufgewendet haben, sondern auch ein Problem für Kuratoren. Denn Künstler, die zu Ausstellungsprojekten eingeladen werden sollen, werden es sich in Zukunft zweimal überlegen, ob sie sich auf das ohnehin riskante Spiel einlassen sollen, Termine im Kalender für ein vages Ausstellungsvorhaben zu blockieren. Absolventen der Kunsthochschulen werden in Osnabrück ein „No-Artists-Land“ sehen und einen weiten Bogen um die Stadt machen. Sponsoren werden immer weniger für Ausstellungsvorhaben zu gewinnen sein, wenn die Stadt diesen Betrieb quasi einstellt. „Was ist das für eine Entwicklung?“, fragen sich die Akteure, die seit Jahren Zeit, Geld und Engagement aufbringen, um Menschen für Kunst zu begeistern. Auch sie werden sich abwenden und ihre Arbeit woanders einbringen. Der Ratsbeschluss ist auch für die engagierte und von den Künstler/innen geschätzte Arbeit der Kunsthallendirektorin eine Ohrfeige.

Um den lebendigen und vielseitigen Ausstellungsbetrieb zu erhalten, sollten alle Verantwortlichen zusammen finden und in einen neuen Dialog treten. Die Kunstschaffenden wollen daran mitwirken und stehen weiterhin zur Verfügung.

Unterschriften siehe PDF (Download)

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